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Tobias Magass: «Elefanten und Ameisen»
Tobias Magass: «Elefanten und Ameisen»

Rolf Fehlbaum, Präsident des Verwaltungsrats des Möbel­herstelllers Vitra, unterscheidet bei Möbeln zwischen «Elefanten» und «Ameisen». Die Elefanten sind dabei die heute häufig anzu­treffenden, aus einem Material gegossenen, gezogenen oder überzogenen Möbelstücke. Die Ameisen symbolisieren handwerklich oder industriell zusammen­gesetzte, differen­ziertere Objekte.

Bezogen auf die Architektur erkennen wir in der heutigen Zeit eine Tendenz zu den Elefanten – schöne «Skulpturen» mit einer möglichst homogenen Hülle und wenig Störungen. Diese für das Auge widerstandslosen Oberflächen bedeuten für uns einen Verlust in der Wahr­nehmung der Stadt.

Hohes Haus West, Zürich: Grundsteinlegung
Hohes Haus West, Zürich: Grundsteinlegung
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Hohes Haus West, Zürich: Volumenstudien
Volumenstudien
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Auch das Haus an der West­strasse ist eine Skulptur – wir haben sie anlässlich der Grundstein­legung sogar aus massivem Messing gefräst.

Die skulpturalen Qualitäten haben wir in einem langen Prozess anhand verschieden­ster Arbeitsmodelle untersucht – bis wir die erwünschte «vertraute» Wirkung im Stadtkörper gefunden haben. Wichtig ist es uns aber, dass die Suche nicht bei der Grossform der Stadt und an der Oberfläche aufhört, sondern dass der skupturale Bauköper durch eine differen­zierte Detailierung auf den Massstab des Menschen und in die Tiefe der Materialität heruntergebrochen wird.

Hochhaus zur Schanze, Zürich
Hochhaus zur Schanze, Zürich (Werner Stücheli, 1962)
Haus an der Via Alberico Albrocci, Milano
Wohn- und Geschäftshaus an der Via Alberico Albrocci, Milano (Asnago Vender, 1953)

Das «Hohe Haus» an der Weststrasse will sowohl mit den leichten, eleganten und plattengefügten Geschäfts­häusern der 1950er und 1960er Jahre wie mit den steinernen Wohnbauten der Gründerzeit kommunizieren. Die Fassaden­konstruktion soll auf Grund der knappen Platz­verhältnisse möglichst gering ausfallen, aber doch auch eine gewisse Schwere thematisieren.

Das abgebildete Wohn- und Geschäftshaus von Asnago Vender in Mailand ist aus Natursteinplatten gefügt und zeichnet die verschiedenen, aufeinandergestapelten Nutzungen und deren Verhältnis zur Stadt ab. Es interessiert uns, dass sein Oben nicht gleich seinem Unten ist. Es hat einen Sockel, einen Rumpf, einen Kopf und eine Krone – es reagiert auf die verschiedenen Schichten der Stadt.

Hohes Haus West: Fassadenkonstruktion
Hohes Haus West: Fassadenkonstruktion
Hohes Haus West: Fassadenmuster Erdgeschoss/Sockel
Fassadenmuster Erdgeschoss/Sockel
Geschäftshaus Clipper, Zürich (Roland Rohn, 1951)
Geschäftshaus Clipper, Zürich (Roland Rohn, 1951)

Ein Kleid von fein ondulierenden Faserzementplatten, zusam­mengehalten durch ein Netz golden eloxierter Aluminium­profile spannt sich vertikal und horizontal über das gesamte Gebäude. Das Gewichten der Kanten in ihrer Dimension und Position, sowie minimale Versetzungen der Plattenebene in der Tiefe ergeben ein ablesbares Ordnungsprinzip und eine über­geordnete Hierarchisierung über die ganze Fassade.

Die Wahrnehmung der Fassadenplatten changiert je nach Lichtverhältnissen in ihrer Wirkung von leicht zu schwer. Bei Sonne zerteilen die goldenen Profile die Fassade – bei Schatten verbinden sich die Platten und Fugen zu einem übergeordneten Ganzen.

Das Erdgeschoss wird mit einer gefalteten Fassade aus einem starken eloxierten Alu­minium­blech speziell ausge­zeichnet. Sichtbar im 1:1 Fassadenmodell – sowie beim Restaurant Clipper bei der Sihlpost in Zürich, 1951 von Roland Rohn erstellt.

Hohes Haus West: Fassadenmuster Obergeschosse
Hohes Haus West: Fassadenmuster Obergeschosse
Geschäftshaus SUVA
Geschäftshaus SUVA, (Roland Rohn, 1961)

Grössere Flächen der Alumi­niumbleche im Bereich der Leibungen werden mehrfach gebrochen und so strukturiert. Dieselbe Struktur – auf ein feineres Mass skaliert – findet sich auch in der Fläche der vorgehängten Faserbeton­platten.

Casa de Benin, Salvador
Casa de Benin, Salvador (Lina Bo Bardi, 1987)
Hohes Haus West: Wellbeton Dachterrasse
Hohes Haus West: Wellbeton Dachterrasse

Auf dem Dach findet sich die strukturierte Fläche nochmals in einer zu «Stein» gewordenen Welle.

Hohes Haus West, Zürich
Hohes Haus West, Zürich (2013)
Die bewusst unterschiedlich ausgebildeten Bereiche Sockel, Mittelbau und Abschluss werden so thematisch zusammengeführt zu einer differenzierten Einheit. Die strukturierte Fassade bietet dem Auge Halt – und der Zeit Gelegenheit, sich als staubige Patina festzusetzen.

Wohnhäuser Winkelriedstrasse, Zürich (2012)
Wohnhäuser Winkelriedstrasse, Zürich (2012)
Wohnhäuser Winkelriedstrasse, Zürich (2013)

Die Häuser an der Winkelried­strasse reagieren durch eine sehr differenzierte Materi­alisierung, eine zarte Farbigkeit und eine viel­schichtige Staffelung der Fassaden auf die grosse Nähe der Nachbarschaft. Die vielen Schichten der Fassade ermög­lichen trotz der äusserst nahen Bestands­gebäude rundum eine fein dosierte Öffnung der Wohnun­gen. So wird die Fassade zur kommuni­zie­renden Membran als Grenze zwischen der Intimität des privaten Wohnens und der Öffentlichkeit im Stadtraum.

Unterschiedliche Füllungen aus Fenstern oder Putz verleihen der Fassade je nach Orien­tierung und dahinter­lie­gender Nutzung einen ganz anderen Ausdruck.

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Haus zur Stiege, Bürglen (2002)
Haus zur Stiege, Bürglen (2002)
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Beim Einfamilienhaus «Zur Stiege» wird die Konstruktion aus dem traditionellen Strick­bau des Vorgängerbaues hergeleitet. Das Fassaden­bild der kreuzweise gestapelten Bretter­lagen wird für das komplette Wandelement weiterentwickelt, vom Witterungs­schutz über die Holz­ständer­konstruktion, die Konterlattung für die Elektro­installationen bis zur inneren Wandver­kleidung. Die einzelnen Holz­schichten werden so kreuzweise wieder zu einem kompakten Holzelement zusammengebunden. Die Geländer und die Laube werden durch das Weglassen einer Bretter­schicht ausgedünnt und von aussen ablesbar.

Das gleiche Prinzip findet auch für die Boden- und Deckene­lemente Verwendung.

Überbauung Letzibach: Gefügte Fassadenkonstruktion
Überbauung Letzibach: Gefügte Fassadenkonstruktion
Überbauung Letzibach, Zürich (2015)
Überbauung Letzibach, Zürich (2015)
Die Überbaung Letzibach in Zürich löst die vom Vorbild übernommene massive Klinker­fassade in eine moderne gefügte Fassade auf. Das Prinzip der Fügung ist in den vor die Tragstruktur gehängten Beton­elementen nachvoll­ziehbar.