2020
Projektinfos

Auswahlverfahren: 2020 (Zuschlag für Weiterbearbeitung)
Bauauftraggeberschaft: Stiftung Habitat, Basel
Mitarbeit: Tenzin Dawa Tsamdha, Zhiyu Zeng, Johannes Walterbusch, Fanni Müller

COMBO

Eine beschwingende Combo aus einem Punkthaus am Quartierplatz Volta Nord, einem strassenbegleitenden Langhaus an der Lothringerstrasse und einem verbindenden Erschliessungsgerüst ist unsere Antwort auf Städtebau und Programm. In ihrem Zusammenspiel zum Eckhaus bildet diese bauliche Combo je nach Lage zu Platz, Strasse und Hof individuelle und ganz spezifische Fassaden aus. Das gemeinsame Erschliessungsgerüst zeigt sich zum Quartierplatz Volta Nord in seiner ganzen expressiven Geschossigkeit. Hier am Platz verweben sich die vorgesetzten Balkone der grösseren Wohnungen und die auskragenden Podeste des Erschliessungsgerüsts zum zeichenhaften Eingang der neuen Habitat. Der abfallende Geländeverlauf wird durch einen leicht abtreppenden Erdgeschosssockel aus platzseitigen Gewerbenutzungen und einer Velohalle an der Lothringerstrasse aufgenommen. Ein auskragendes Vordach aus Gusseisen vor der Velohalle markiert den zweiten, informellen Eingang für die HabitatbewohnerInnen.

 

NACHHALTIGKEIT & ÖKONOMIE

Den hohen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Ökonomie wird das Projekt auf verschiedensten Ebenen gerecht. Den Stand der Zwischenbesprechung haben wir diesbezüglich in der Volumetrie, der inneren Organisation und in der Konstruktion nochmals merklich optimiert. Durch das Weglassen des zweiten Treppenhauses, die Vereinfachung der Erschliessungsfigur und eine Bereinigung des Dämmperimeters wird die Gebäudehüllzahl deutlich reduziert. Die Gebäudehüllzahl von 1.22 ist für ein Gebäude dieser Grösse auf einer Eckparzelle ein guter Wert. Dies wirkt sich sowohl auf den Wärmebedarf im Betrieb als auch auf die Erstellungskosten positiv aus. Das offene Treppenhaus und die Erschliessung über Laubengänge reduziert die Energiebezugsfläche. Die geforderten 45m2 / Bewohner können im vorgeschlagenen Wohnungsmix mit gut geschnittenen Grundrissen und inklusive der reichhaltigen gemeinschaftlichen Angeboten eingehalten werden. Die Laubengänge auf der Südseite bilden baulich einen permanenten sommerlichen Wärmeschutz der Fassade, Vertikal- und Fallarmmarkisen erlauben einen zusätzlichen Schutz bei Bedarf. Der Aussenraum zwischen den beiden Gebäudeteilen gewährleistet zudem eine gute Durchlüftung des Gartens, dies wirkt sich positiv auf das Mikroklima des gesamten Hofes aus. Die Holzbauweise ist sehr geeignet um die hohen Ziele der CO2 Reduktion bei der Erstellung zu erreichen. Die Vereinheitlichung der Tragstruktur und der Wohnungstypologien führt zu Synergieeffekten in der Produktion und bei der Aufrichtung des Holzbaus. Die konsequente Systemtrennung und die demontierbare Konstruktion aller Bauteile gewährleistet eine völlig flexible Implementierung von wiederverwendeten Bauteilen nach Verfügbarkeit und Grauenergiebilanz. Die Haustechnik wird nach dem Prinzip des LowTech konzipiert. Auf eine kontrollierte Lüftung oder aufwendige Gebäudetechniksysteme wird verzichtet. Die Wärme wird vom Fernwärmenetz bezogen und mit einer moderaten Vorlauftemperatur auf die wiederverwendeten Radiatoren verteilt. Auf dem Dach sind Photovoltaikelemente vorgesehen, die eine Stromproduktion für den Eigenbedarf sicher stellen.

 

FLEXIBILITY & DIVERSITY

Die beiden Häuser sind aus einem einfachen, zweiseitig orientierten Raummodul aufgebaut. Die einheitlichen hölzernen Module können je nach Bedarf zu experimentellen Räumen für Singles, Paare, Wohngemeinschaften oder zu klassischen Familienwohnungen erweitert werden

 

RE-USE

Die Bauweise nach dem Prinzip des Zirkulären Bauens erlaubt einen frei steuerbaren Einsatz bereits bestehender Bauteile. Je nach Verfügbarkeit können gebrauchte oder neue Elemente eingesetzt werden. Als „Bauteillager“ steht der Teilbereich Hof der genossenschaftlichen Siedlung Libellenhof in Luzern zur Verfügung, der zur Zeit von Loeliger Strub Architektur bearbeitet wird. Die sieben Mehrfamilienhäuser mit 84 Wohnungen werden im Februar 2022 abgebrochen und weichen einer dichteren Neubebauung. Die Häuser sind typische Zeugen der einfachen Bauweise der Dreissiger Jahre. Häuser, die zur Zeit in grossem Stil den anhaltenden Verdichtungsprozessen weichen müssen und auf den ersten Blick keine wertvollen Bauteile zu Wiederverwendung aufweisen: gemauerte Wände, verputzte Holzbalkendecken, Steildächer mit Ziegeln – gerade deshalb erscheint das Aufzeigen einer Möglichkeit von Wiederverwendung auch in einem grösseren Rahmen relevant. Das Vordach vor dem Veloraum könnte von einem weiteren Abbruchobjekt in Bearbeitung der ArchitektInnen stammen. Das Mehrfamilienhaus an der Waffenplatzstrasse wird voraussichtlich im Juni 2022 abgerissen. Weitere Teile zur Wiederverwendung sind in einer permanenten Evaluation gemeinsam mit der Stiftung zu Suchen und zu Prüfen. Für gebrauchte Wendeltreppen – wie für die interne Verbindung der Stiftung Rheinleben vorgesehen – findet man z. B. verschiedenen Angebote.

 

COMMUNITY

Gewohnt wird hier auf der ‚Parzelle 8’ fast wie in einer kleinen Stadt. Drei Treppenstufen führen Besucher- und BewohnerInnen vom platzseitigen Eingang zu dem hofseitigen, geschützten Hausplatz mit den Briefkästen und dem Gemeinschaftsraum. Eine grosszügige Sitztreppe – die im Sommer zur Zuschauertribüne für Openairkino oder Ping-Pong-Turniere genutzt werden kann – führt vom leicht erhöhten Erdgeschoss in den Garten.Vom Hausplatz startet auch das luftige Erschliessungsgerüst aus Holz. Mittels Treppen, Plätzen, Terrassen und Laubengängen verbindet und verwebt diese dreidimensionale Hauspromenade die verschiedenen Wohngeschosse, lädt die Bewohnerinnen und Bewohner zum Verweilen und gegenseitigen informellen Austausch ein.Auf der Platzseite vergrössern sich die Treppenpodeste im ersten und dritten Wohngeschoss zu gemeinschaftlich genutzten Logen. Kleine vorgestellte, runde Sitz-Erker weiten das Geflecht der Laubengänge punktuell auf und ragen wie kleine Kanzeln unter dem freien Himmel in den Hofraum hinein.Diese erlebnisreiche Promenade endet auf der Dachterrasse. Ein kleiner Pavillon unter einem bewegten Dach dient HabitatbewohnerInnen zum geselligen Aufenthalt und Hausgästen als temporäre Unterkunft. Der gemeinschaftlich nutzbare Raum kann durch Falttüren und dank eines eingebauten Klappbettes vom Gästezimmer zum vielfältig nutzbaren Wintergarten transformiert werden. Zusätzliche Faltfenster mutieren die kleine kompakte Dachküche im Sommer zur Aussenküche. Die kleine Nasszelle im Dachpavillon kann auch von den Büromitarbeitenden der Stiftung Rheinleben genutzt werden.

 

HOLZBAU

Auf einem minimalen massiven Sockel aus Recyclingbeton steht ein einfaches Gerüst aus vorfabrizierten Holzelementen. Das Tragsystem des Standes der Zwischenpräsentation wurde hinsichtlich einer Vereinheitlichung und Vereinfachung überarbeitet. Beide Gebäudeteile weisen nun ein Stützensystem mit Unterzügen und T-förmige Aussteifungswände aus CLT Vollholzplatten aus. Diese bestimmen die Raumstruktur und lassen dennoch eine grosse Flexibilität zu. Die Wände werden jeweils gemäss den spezifischen Anforderungen verkleidet. Als Konstruktionsholz wird einheimisches Nadelholz verwendet, wo möglich kommt bereits gebrauchtes Holz zum Einsatz. Die Laubengänge liegen auf den auskragenden Unterzügen auf. Im Bereich der Treppe wird die Konstruktion brandschutzkonform mit Gipsfaserplatten gekapselt und Treppentritte in Eiche verwendet. Ein differenziertes Geländer aus Holz wird direkt an den Unterzügen des Laubengangs befestigt. Es dient als Absturzsicherung, man kann aber auch ein Glas Wein oder eine Apéroschale darauf abstellen.Die Tragstruktur und alle Verkleidungen sind nach dem Prinzip des „Design for Disassembly“ konstruiert. Alle Elemente sind geschraubt und sauber demontierbar und sind somit sowohl in der Erstellung als auch im Unterhalt maximal ressourcenschonend. Sie können im Bedarfsfall einfach ausgewechselt oder einer weiteren Nutzung zugeführt werden. Die Tragstruktur ist so dimensioniert, dass das Gebäude gut um zwei weitere Geschosse aufgestockt werden kann. Dazu wird das Attikageschoss demontiert, die neuen Geschosse aufgerichtet und die Wände, die Decken, die Fassaden, die Fenster, die Wärmedämmung und die Photovoltaikelemente des Attikas wieder montiert.

 

FASSADEN

Zur Strasse und zum Quartier schützt ein Gewand aus hellen Eternitplatten im Sockelbereich und geschuppte hinterlüftete Dachziegel aus Ton in den Obergeschossen das neue hölzerne Habitat. Schräggestellte, leicht auskragende Klappläden rahmen beidseitig die vertikalen Fensterbänder. Auf der Hofseite zeigt sich die Holzkonstruktion in Form von Geländern, Deckenkonstruktionen und Holzrosten auf den Veranden und Laubengängen. Teilweise roh belassen, teilweise farbig gestrichen, bilden sie zusammen mit den hellen Fassadenplatten, den fröhlich rotweiss gestreiften Markisen und innenliegenden Vorhängen der Küchen eine vielschichtige, raumhaltige, horizontal gegliederte Fassade. Davor und darin schiessen wie Pilze zwei verzinkte und blinkende Sitzerker und eine Wendeltreppe vom Garten- oder Eingangsgeschoss in den Himmel. Ein flaches, mehrfach gefaltetes Dach – bestückt mit Solarpanelen – akzentuiert das Attikageschoss und bildet als kleine, augenzwinkernde Dachbekrönung einen bewegten und zeichenhaften oberen Abschluss.