2019
Projektinfos

Projektwettbewerb im selektiven Verfahren: 2019
Bauherrschaft: Stadt Uster, Stadtraum und Natur
Mitarbeit: Johannes Walterbusch, Feng Zhang, Fanni Müller

„zeugHAUS“

Prämissen

  1. Vollwertiges Kulturzentrum nach Umbau Zeughaus

In einer ersten Phase kann die bestehende Zeughaushalle derart ausgebaut werden, dass sie ohne weitere Anbauten als vollwertiges Kulturhaus – mit einem kleinen Saal, Kino, Kunstraum und einer Bar – genutzt werden kann. So kann der bereits bestehende Kulturbetrieb Usters unabhängig von den weiteren Planungen im Rahmen des Gestaltungsplans kostengünstig und mit wenig Rechtsrisiko einen ersten Anker auf dem Areal setzen.

  1. Übernahme der Massstäblichkeit

In einer zweiten Phase wird dem flachen Zeughausgebäude ein in der Massstäblichkeit und den Proportion verwandtes Neubauvolumen zur Seite gestellt: Dieser «Kulturschuppen» nimmt neue Nutzungen – wie den grossen Saal und das zeugHAUS Restaurant – auf und bietet der lokalen und regionalen Kulturszene die Möglichkeit, weiter zu wachsen und unterschiedliche Sparten und Nutzungsgruppen zu vernetzen. Der neue «Kulturschuppen» steht in vielfältiger Weise in direkter und dichter funktionaler Beziehung zum Bestandesbau.

  1. Grossflächiges Freispielen der Zeughausfassade

Durch eine Verschiebung des neuen Baukörpers in Längsrichtung bleibt eine grosse zusammenhängende Fassade des alten Zeughauses sichtbar und für das Areal Ost atmosphärisch wirksam. Ein an den Kulturschuppen angehängtes Flugdach spannt zusammen mit dem bestehenden abgehängten Vordach des alten Zeughauses einen gemeinsamen zur Stadt gerichteten Empfangsplatz auf und empfängt die Besucherinnen und Besucher mit einer eröffnenden Geste.

  1. Robuster Rahmen

Konstruktion und Materialisierung der strukturellen Eingriffe im Bestandesbau und die Tragstruktur der neuen Halle sind direkt, robust und pragmatisch. Die neuen Einbauten erfolgen so, dass die Tragstruktur weitgehend bestehen und mit ausfachenden, gemauerten Wänden ergänzt werden kann. Die neue Halle erhält eine einfache gestapelte Tragstruktur aus Beton und Holz.

  1. Ausbau als Bricolage

Die starke Struktur von Bestand und Neubau bildet einen robusten Rahmen für die Ausbauten durch die verschiedenen Nutzungsgruppen. Diese erfolgen bricolageartig mit sichtbar bleibenden Baumaterialien, Readymade-Werkstücken und wiederverwerteten Bauteilen und bilden so die heterogene Nutzung atmosphärisch ab. Die Eingriffstiefe im Bestand soll gering gehalten werden, möglichst viele der bestehenden materiellen und atmosphärischen Qualitäten sollen erhalten bleiben.

 

Nutzungskonglomerat

Das Zeughausareal in Uster mit den vier eindrücklichen Lagerhallen unter flach geneigten Dächern und der grossen dazwischen liegenden Freifläche ist ein wichtiger Zeuge seiner Zeit. Räumlich gliedert es sich in die Reihe der öffentlichen Bauten an der Zürcherstrasse ein und bildet – je nach Perspektive – den pulikumswirksamen Auftakt oder den Abschluss des sich verdichtenden Stadtzentrums. Im Rahmen des vorliegenden Gestaltungsplanes wird es räumlich und funktional derart verdichtet, dass eine lebhafte Nutzung möglich wird. Für die Erweiterung der Halle Ost II ist ein vielfältiges Kulturprogramm mit synergetischen Nutzungsüberschneidungen vorgesehen. Das Areal Ost wird als eine Abfolge verschiedener, untereinander vernetzter Aussen- und Innenräume verstanden: Das grosse Baumdach, der Kulturplatz, die Zeughaushalle sowie der neue «Kulturschuppen» grenzen sich einerseits voneinander ab und lassen sich andererseits miteinander kurz schliessen.

Baumdach

Die strassenbegleitenden Ahornreihen an der Berchtoldstrasse werden mit Eichen und Teilen des Platanenbestandes aus dem heutigen Parkplatz zu einem Baumdach verwoben. Es bindet das neue Kulturzentrum direkt an die Stadt an und begleitet die Einblicke und Zugänge aus dem Raum Zürichstrasse und Gerichtsstrasse zur Mitte. Das verdichtete Baumkarrée wird durch den mit einem Storchennest zeichenhaft ausgestalteten Aufgang aus der Tiefgarage räumlich gestärkt. Eine chaussierte Fläche in diesem Baumhain bietet sommerlichen Schatten für Aufenthalt, Markt oder kleinere, auch spontane Veranstaltungen und wird so zum aneigenbaren Schwellenraum zwischen Stadt und Kulturzentrum für informelle Nutzungen.

Kulturplatz

Der eigentliche Kulturplatz zwischen dem Kulturzentrum und der Halle Ost I mit ihren Erweiterungen wird bei grösseren Veranstaltungen zum Zentrum der Anlage. Hier finden eine Freilichtbühne, das Zirkuszelt oder eine grössere Festbestuhlung genauso Platz wie eine Vielzahl kleinerer Nutzungen.

Der Asphalt des Kulturplatzes zieht sich als Gussasphalt in den grossen Saal und markiert die Verbundenheit von Platz und Saal. Der Platz ist weitgehend unterkellert durch die Tiefgarage; eine Retention und die Versickerung über den Baumhain und Grünflächen sind nur beschränkt möglich. Am topographischen Tiefpunkt des Platzes bietet die Installation einer «zivilisierten Pfütze» einen temporären Gewässerraum, der sich je nach Witterung mit dem Nass aus einem Sommergewitter füllt und nach einiger Zeit wieder entleert. Dieses temporäre Gestaltungselement formt den Platz zur Stadtlandschaft mit variablem Charakter und betont dessen Aneigenbarkeit. Durch das Zusammenfügen der unterschiedlichen Freiraumqualitäten bleibt das Areal in seiner gesamten Tiefe erfassbar.

Zeughaushalle

Die bestehende Zeughaushalle wird mit den drei Foyers für die beiden Säle und das Kino zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt des Kulturzentrums. Eine runde Bar, eine zylinderförmige Treppe zur Musikschule in den Obergeschossen und eine Feuerstelle gliedern zusammen mit mobilen Vorhängen und verschieden zusammenstellbaren einfachen Sitzwürfeln die Foyers in unterschiedlich nutzbare Raumbereiche.

Der kleine Saal und die beiden Kinosäle brechen die Struktur der Halle an wenigen, statisch überlegt gewählten Orten geschossübergreifend auf. Die Tragstruktur wird an diesen Stellen jeweils pragmatisch mit neuen Backsteinwänden und Unterzügen aus Beton ergänzt. Der nicht unterkellerte, minimal dimensionierte Hallenboden wird mit einfachen Mitteln ausgebrochen und nach dem Verlegen der neuen Leitungen durch einen vollflächig zum Erdreich isolierten, mit einer Bodenheizung versehenen Monobeton ersetzt. Das Dach wird zwischen den bestehenden Sparren ebenfalls vollflächig ausgedämmt.

Mit diesen wenigen, präzisen Eingriffen wird ein einfacher Umgang mit weiteren bautechnischen Fragen ermöglicht: Die Tragstruktur benötigt keine weiteren Verstärkungen, die Wandflächen der Halle werden nur dort mit Schichtexplatten gedämmt, wo neue Einbauten erfolgen, im Bereich des Foyers verbleiben die Backsteinwände sichtbar, die technischen Installationen können minimal gehalten werden.

In einer ersten Phase kann die Halle mit diesen Einbauten ohne grössere Anpassungen bereits als vollwertiges Kulturzentrum funktionieren. In diesem Fall ist der Kulturraum im Obergeschoss angeordnet und das Restaurant findet im zukünftigen Bereich des Foyers für den grossen Saal mit direkter Ausrichtung zum Kulturplatz einen geeigneten Ort. In einer zweiten Phase, die den Bau des «Kulturschuppens» vorsieht, können die frei werdenden Räume im Obergeschoss Musikschule genutzt werden. Sollten in der Zwischenzeit andere Programme hinzukommen bildet die Halle einen robusten Rahmen für weitere Einbauten durch unterschiedliche Nutzugsgruppen, die jeweils auch von den verschiedenen Foyerbereichen Gebrauch machen können.

«Kulturschuppen»

Ein der Zeughaushalle vorgestellter «Kulturschuppen» ergänzt die Nutzungen des Zeughauses mit dem vielfältig nutzbaren grossen Saal, einem neuen Kunstraum und dem Restaurant. Sämtliche Bereiche sind über die Foyers im Zeughaus erschlossen, orientieren sich aber auch zum Kulturplatz und beleben diesen. Der grosse Saal lässt sich bei besonderen Gelegenheiten sowohl zum grossen Foyer in der Zeughaushalle über die bestehenden Rolltore als auch zum Kulturplatz über grosse Hubtore öffnen. Es entsteht ein vielfältiger räumlicher und funktionaler Austausch, der Saal lässt sich direkt in die Bespielung des Platzes einbeziehen: als offene Halle des Quartierfests, als Schlechtwetteroption des überregionalen Open Air Konzerts oder des lokalen Flohmarkts, als zusätzlicher Veranstaltungsort eines sommerlichen Filmfestivals. Die Fassade der Zeughaushalle und deren Belebung werden so über die ganze Länge hinweg spürbar. Ein übergrosses Bullauge vermittelt einen Einblick in den Kunstraum, der über Küche und Buffet liegt. Das neue Restaurant liegt an der Schnittstelle von Eingang und Platz. Mit seinen überhohen Räumen und der variablen Aussenbestuhlung strahlt es nach allen Seiten aus. Der vorgelagerte Aussenraum wird durch ein schräg geneigtes Dach vor den Witterungseinflüssen geschützt. Dieses über seine Funktion hinaus zeichenhafte Element wird materiell aus dem abgebrochenen Teil des Hallenvordachs gefertigt. Es verbindet sich mit dem Bestandsvordach zugleich räumlich und ideell.

Der Vorschlag bildet ein nach innen und aussen vielfältige Beziehungen aufbauendes, dichtes Nutzungskonglomerat, das eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Nutzungsszenarien erlaubt. Das Kommen, Verweilen und Gehen im Tages- und Wochenverlauf findet unter dem Baumdach, auf dem Kulturplatz, im zeugHAUS und im Kulturschuppen einen übersichtlichen, vielfältigen und zugleich fein differenzierbaren Rahmen.